Was ist Verlustangst?

Verlustangst

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Verlustangst ist ein Phänomen, das jedem bekannt ist, manchen jedoch etwas stärker und beunruhigender als anderen. Sie kann sich in ganz verschiedenen Facetten zeigen – eine der häufigsten ist wohl die Verlustangst in Beziehungen, also die Angst den Partner zu verlieren, aber auch Angst um die Familie, den Job und selbst materielle Dinge können Facetten der Verlustangst sein.

Angst an sich ist ein menschliches Gefühl, das nicht nur normal, sondern sogar unter Umständen lebensrettend sein kann – schließlich hilft uns die Angst dabei uns vor gefährlichen Situationen zu schützen. Auch die Angst einen geliebten Menschen zu verlieren ist den meisten nicht unbekannt, zeigt dies doch nur, dass wir diesem anderen nahe stehen.

Es gibt jedoch auch Ängste, die über das als „normal“ und bekannt eingestufte Niveau hinausgehen, so auch die übermäßige Verlustangst, die einen Menschen in sämtlichen Bereichen stark einschränken und einen hohen Leidensdruck hervorrufen kann.

Das Phänomen Verlustangst

Ein Mensch kann und wird in seinem Leben unterschiedliche, auch traumatisierende, Erfahrungen machen. Jede Erfahrung, vor allem aber die traumatisierenden, ziehen meist Konsequenzen nach sich, die sich auch in der Persönlichkeitsentwicklung niederschlagen können.

Die Verlustangst ist die Folge des Traumas von frühen Trennungen, tritt also typischer Weise nach frühen Verlusterfahrungen als Kind auf, sei es die Trennung der Eltern, die Vernachlässigung durch ein oder beide Elternteile oder sogar Todesfälle. Menschen, die aufgrund dieser Erfahrungen auch im späteren Leben starke Verlustängste haben, können schlecht mit dem allein sein umgehen und richten ihr Verhalten und ihre Gedanken übermäßig danach aus, einen anderen Menschen, einen Job, etc. nicht verlieren zu wollen. Die Folgen hiervon sind meist das zu starke Klammern an Dingen, ganz unabhängig davon ob diese dem Menschen gut tun oder nicht.

Woher kommen Verlustängste?

Verlustängste müssen primär erst einmal nichts mit dem echten Risiko einen Menschen zu verlieren zu tun haben. Es handelt sich vielmehr um innere Verlustängste, bei denen die Gedanken ständig darum kreisen, dass man eine Person, Zuneigung, einen Job, Ansehen, etc. verlieren könnte oder sogar um die vermeintliche Gewissheit, dass man diese verlieren wird. Wichtig ist hierbei auch die Bewertung dieses Verlustes. Während Menschen ohne übermäßige Verlustängste, einen möglichen Verlust als zum Leben dazu gehörend akzeptieren, kann er für Menschen mit Verlustängsten schnell existenziell werden. Für jene ist der Verlust somit die schlimmste Vorstellung und das eigene Glück hängt stark davon ab.

Ursachen für die Entwicklung von Verlustängsten sind bereits in der frühen Entwicklung, also der Kindheit, zu finden. Kinder erkennen früh ihre Mutter und schließlich auch weitere Bezugspersonen – meistens den Vater – als Quelle zu ihrer Bedürfnisbefriedigung und Quelle für Sicherheit und Geborgenheit. Wird diese, entweder aufgrund von Abwesenheit oder Vernachlässigung nicht gegeben, kann dies das Kind traumatisierten – es fühlt sich abgelehnt und erfährt einen Mangel an Zuwendung, was spätere Minderwertigkeitsgefühle und Verlustängste bis hin zur Depression nach sich ziehen kann.

Symptome von Verlustangst

Verlustängste zeigen sich in einem übermäßigen Klammern an – oft eigentlich unkontrollierbaren – Dingen, sei es am Partner, an Freunden, an einem Job. Dabei ist zunächst nicht wichtig, ob diese Dinge wirklich die Bedürfnisse des Ängstlichen befriedigen. Viele Menschen lassen sich so auch ausnutzen und bleiben in schädlichen Partnerschaften und Beziehungen, nur um den Verlust zu vermeiden.

Die übermäßige Verlustangst zeigt sich auch durch Reaktionen auf Verluste, seien es große oder kleine. Für Menschen mit Verlustangst stellen diese eine existenzielle Bedrohung dar. Während andere Verlust oft mit „normaler“ Trauer bearbeiten können und das Ende einer Beziehung oder Freundschaft nicht langfristig persönlich nehmen, reagieren Menschen mit Verlustangst sehr stark, häufig sogar mit einer Depression, auf Verluste und darauf zurück gewiesen zu werden.

Verlustängste äußern sich auch in einer von vornherein pessimistischen Sicht auf die Dinge. Dies hat nicht nu negative Gefühle zur Folge, sondern kann gleichzeitig zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung führen. Der Mensch, der Angst hat einen anderen Menschen zu verlieren und gleichzeitig davon überzeugt ist, dass er verlassen wird, verhält sich dementsprechend, dass sich seine Befürchtung bewahrheitet. So entsteht häufig ein Teufelskreis aus negativen Befürchtungen und bestätigten Verlustängsten.

Verlustängste können sich auch in einem Kontrollzwang äußern. Aus übermäßiger Angst etwas zu verlieren, versuchen Menschen mit Verlustangst die Dinge so gut wie möglich zu kontrollieren, auch wenn dies nicht möglich ist. Dies kann bis zur Selbstaufgabe führen, da „Loslassen“ für Menschen mit Verlustangst besonders schwierig ist und auch das sich ständige „sich anpassen“ auslaugt.

Verlustangst und Bindungsangst

Ein weiteres Symptom von Verlustangst ist das Vermeiden von Bindung um eben diesem Risiko einen anderen zu verlieren von vornherein aus dem Weg zu gehen. Die Bindungsangst ist also ein häufiger Begleiter der Verlustangst. Menschen mit Bindungsangst haben durch frühe, mitunter traumatisierende, Bindungserfahrungen nicht gelernt Vertrauen zu Menschen aufzubauen und Nähe zuzulassen. Menschen mit Bindungsangst und Verlustangst tun sich daher oft schwer eine nahe Beziehung zu anderen Menschen überhaupt erst einzugehen.

Folgen von Verlustangst

Verlustängste sind für Betroffene sehr belastend, vor allem weil diese häufig nicht den Grund ihrer Angst und ihres Verhaltens oder überhaupt das Phänomen Verlustangst kennen. Folgen sind daher häufig schwierige Beziehungen oder das Vermeiden von Beziehungen. Verlustängste können aber auch in eine echte Depression führen. Folgen sind hierbei ein sehr negatives Selbstbild, Antriebslosigkeit, tiefe Trauer, ein Gefühl von Sinnlosigkeit, Einsamkeit und weitere.

Verlustangst – was tun?

Die als Kind gemachten Erfahrungen sitzen sehr tief, das bedeutet jedoch nicht, dass gegen Verlustängste nichts getan werden kann. Betroffene können lernen mit der Verlustangst umzugehen – insofern sie sie erst einmal erkannt haben. Anschließend kann eine Therapie oder ein bewusster Umgang mit diesen Ängsten helfen, den Leidensdruck zu vermindern und umzudenken. Um Verlustängste zu bearbeiten ist es daher sinnvoll eventuelle Kindheitstraumata aufzuarbeiten, das eigene Selbstbild zu verbessern und am „Loslassen“ zu arbeiten, zum Beispiel mit Übungen zur Achtsamkeit. So können Verlustängste überwunden werden und ein erfülltes Leben mit weniger Angst und nahen Beziehungen geführt werden.